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Innere Schweinehund

Wie man den inneren Schweinehund zum Schoßhündchen macht

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Was du heute kannst besorgen … Jeder von uns weiß, wovon die Rede ist: Wir fassen oft gute Vorsätze, wie ein paar Kilos abspecken, nicht mehr rauchen, unangenehme Beziehungs- oder Arbeitssituationen ändern, die Kleiderschränke endlich ausmisten … Doch der innere Schweinehund macht uns stets einen Strich durch die Rechnung. Er lässt lieber alles so, wie es ist, und sorgt für Ausreden, warum man am besten alles auf morgen oder übermorgen verschieben kann.

Das neue Zauberwort unserer Gesellschaft heißt Motivation. Und in der Politik wird es neudeutsch Nudging genannt. Neuerdings sollen sich beispielsweise Psychologen darum kümmern, wie Angela Merkel die deutsche Bevölkerung wohl dazu motivieren könnte, das zu tun, was für alle das Beste ist – oder scheint. Und weil man in der Verhaltensforschung davon ausgeht, dass man dazu den – vor allem männlichen – Spieltrieb der Individuen anstoßen kann (englisch: to nudge), um positive Ergebnisse zu erzielen, wird beispielsweise in Urinalen ein Abbild einer Fliege angebracht. Wozu? Tatsächlich landen mithilfe dieses Insekts als Zielscheibe 80 Prozent weniger Urin auf dem Boden. Aber wie sieht es mit den Impulsen von innen aus – mit der Selbstmotivation?
 
Der Psychotherapeut Stefan Bienenstein befasst sich in „Der innere Schweinehund bleibt zu Hause“ mit den Mühen der Selbstmotivation, und wenn man so will, kann man diese Übung auch Self-Nudging nennen. Sein Ziel ist es zu zeigen, welche Strategien der Schweinehund verwendet, um Gehör zu finden, wie er arbeitet und was ihn so mächtig werden lässt. Mit seinen Analysen wird klar, welche persönlichen Widerstände uns daran hindern, Veränderungen im Leben anzupacken. Es ist im Übrigen ungemein hilfreich zu sehen, wie die eigenen Hintertüren langsam zugehen!
 
Allem voran soll die Überlegung stehen, ob die angestrebte Veränderung wirklich das große Glück sein kann. Das Schöne an Veränderungen ist, dass man lernen kann, sein Leben zu steuern. Es ist nicht nur die gute Figur, nicht das Nicht-mehr-Rauchen, die glücklich machen. Es ist auch nicht der Sport an sich, der Zufriedenheit bedeutet. Es ist der Umstand, dass man lernen kann, mit sich selbst umzugehen, und das in einer Art, die einem guttut und einem hilft, seine oftmals schlummernden Potenziale zu entfalten.
 
Doch selbst wenn nicht gleich alles erreichbar wird, es ist immer ein Erfolg, sich um sich selbst und die eigenen Projekte zu bemühen. Mit seinen Einblicken in die Tiefen unserer Seele, macht der Autor Mut zur Selbstdiagnose. Denn der innere Schweinehund ist ein Teil von uns und darf auch da sein. Er ist Bestandteil unserer Lebensgestaltung. Manchmal ist er aktiver und manchmal bleibt er eben zu Hause, weil wir gerade besser ohne ihn zurechtkommen.
 
Hier ein kleiner Vorgeschmack aus der wahrscheinlich aktuellsten Lektüre so kurz vor Neujahr und der Zeit der Neujahrsvorsätze:
 
„In diesem Kapitel werden einige Bereiche exemplarisch analysiert, die als Kerngebiete des Schweinehundes bezeichnet werden konnen. Allen voran die Welt des Essens. Auf diesem Gebiet hat die Ernährungsexpertin Cathrin Drescher einen wichtigen Beitrag beigesteuert. Die Ernährungsexpertin ist mit ihren Kunden dem Schweinehund schon oft begegnet.
 
Vielleicht aus Nostalgie und aus Solidarität ist Familien, deren Kinder Lernprobleme haben, der Abschnitt ‚Das mit dem Lernen‘ gewidmet. Anschließend und thematisch passend zeigt ‚Das mit dem Kiffen‘, wie sich der Schweinehund mit einer Droge verbündet (oder umgekehrt) und ganz schön viele Probleme auslösen kann. ‚Das mit dem Sport‘ gehört freilich auch zu den Welten des inneren Schweinehundes, da wir auch auf diesem Gebiet dem Lumpen in uns breiten Raum geben. Und ‚Das mit dem Alkohol‘ gehört hierher, weil wir in Österreich weltweit zu den Topnationen im Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol zählen, und zwar ohne es aktiv wahrzunehmen. ‚Das mit dem Rauchen‘ macht endlich die Liste komplett.
 
Personen, die lang und hart mit ihrem Übergewicht kämpfen, bemessen alle ihre Speisen nach den Kriterien: gut, geht auch gerade noch, nicht so gut, ganz übel und egal. Ein ständiger innerer Prozess ist aktiv und bewertet das eigene Essverhalten. Wohlfühlen bemisst sich daran, wer gerade stärker ist. Sind die Selbstvorwürfe berechtigt und laut, dann fühlt man sich schlecht, der innere Schweinehund hat das Sagen. Entspricht man seinen Vorgaben etwas, dann kommt Wohlbefinden auf. Dieses Gefühl signalisiert: ‚Ich war brav!‘ Leider ermöglicht die Zuschreibung brav bald wieder ein Abweichen von den Vorsätzen. Ein Schritt vor, zwei zurück? Nicht erfüllte Vorsätze schwächen unser Selbstvertrauen und erschweren jeden weiteren Versuch. Das schlechte Gewissen nagt nämlich hartnäckig und spart nicht mit Vorwürfen. Man versucht, das schlechte Gewissen zu ignorieren und ihm irgendwie auszuweichen, aber das gelingt nur wenigen. Jene, die das nicht schaffen, leben viele Jahre mit Selbstvorwürfen und permanentem Unbehagen.
 
Ernahrungsberater hören immer wieder von der Kraft und Macht des inneren Schweinehundes. Er verhindert langfristiges Wohlfühlen und blockiert das Abnehmen. So seltsam es auch klingen mag, auch beim Abnehmen muss man den Schweinehund einbeziehen und Kompromisse erarbeiten. Gelingt das, steht dem Erfolg nichts mehr im Wege. Veränderungen der Essgewohnheiten nimmt der Schweinhund nur mit erheblichen Bedenken, die mehr oder weniger berechtigt sind, zur Kenntnis. Sein Einverständnis ist die Grundlage nachhaltiger Veränderung. Wenn der innere Schweinehund sich ernst genommen fühlt und die neuen Alternativen akzeptiert, dann stört er das Vorhaben nicht mehr, sondern hilft mit und stärkt die Motivation mit der Kraft des Unterbewussten. Um aber mit dem Schweinehund richtig umzugehen, muss man zunächst wissen, wie und wo er in Sachen Ernährung auf den Plan tritt. Hier hilft es, das eigene Essverhalten kritisch zu betrachten. Die hier folgende Typologie gibt einen Einblick in einige charakteristische Esstypen. Kaum jemand wird hundertprozentig einem Typ entsprechen, aber jeder wird sich in den jeweiligen Darstellungen wiederfinden. Wie darin sichtbar wird, agiert der Schweinehund in Sachen Essen oder in seinem Interesse. Er wertet Schnäppchenjagd, vermeintlichen Komfort oder Zeitmangel höher als die richtige Ernährung.“

Der Autor: Stefan Bienenstein, Mag. Dr., Jahrgang 1965, ist Psychotherapeut, Lehrtherapeut sowie Supervisor und führt eine psychotherapeutische Praxis in Wien. Gemeinsam mit seinem Team gestaltet er Fachvorträge, Workshops und Teamklausuren.

Stefan Bienenstein:"Der innere Schweinehund bleibt zu Hause - Wie man durch Motivation seine Vorsätze verwirklichen lernt"

Kneipp Verlag, Wien 2015, 128 Seiten, durchgehend farbig, Flexobroschur

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