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Wer ist schön?

Wer ist schön? – „Please like me!“

Wer ist schön? Und wer fällt dieses Urteil? Also wer definiert Schönheit? Wer sagt, dass jemand schön ist? Wir könnten darüber jetzt einen philosophischen Diskurs führen, aber das will ich nicht. Ich möchte dieses Thema einfach aus meiner ganz persönlichen Sicht und im Hier und Jetzt betrachten.

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Foto: Iva Milicevic by Nik Pichler

Mein Job als Fotograf ist es, Menschen zu zeigen oder ihnen die Chance zu geben, sich vor meiner Kamera zu präsentieren. Und ich kann ehrlich sagen, dass ich bis dato alle Menschen, egal wie sie aussahen, in diesem Moment vor meiner Linse als schön empfunden habe. Warum ist das so? Das hat verschiedene Gründe, aber der wichtigste ist für mich, dass Schönheit nichts Normiertes, sondern etwas ganz Individuelles ist. Und diese Individualität ist vielfältig. Deshalb ist für mich Schönheit untrennbar mit authentischem Sichzeigen und genauem Hinschauen verbunden.

Foto: Iva Milicevic by Nik Pichler

Denn genau dann passiert Schönheit einfach. Ich finde es schön, wenn Menschen sich zeigen, wenn man in ihren Augen sieht, was sie gerade empfinden, was sie preisgeben oder ob sie ein Geheimnis hüten. All das ist schön. Und ich mag es, genau hinzuschauen. Dieses Entdecken eines Menschen ist für mich als Fotograf ein wunderbares Privileg. Das ist für mich Schönheit, und das ist ganz weit weg von Nasenformen, Backenknochen, Haaransätzen, Kopfformen usw.

Ich finde, dass unser ganz persönlicher Ausdruck das Schönste ist, was wir haben. Dieser Ausdruck spiegelt im Äußeren das Innere. Das kann niemand kopieren, das ist einzigartig. Leider ist es auch das, was viele Menschen zu zeigen verlernt haben. Zugleich haben viele verlernt, gut hinzuschauen. Zu stark sind die von der Öffentlichkeit vorgegebenen Schönheitsideale, die alles überschatten – und gefällige Guidelines bieten, um beim oberflächlichen Betrachten ein Urteil zu fällen. Ich weiß aus Erfahrung, dass es viel Mut braucht, um sich zu zeigen. Es braucht aber auch die Offenheit und den Willen, hinzuschauen.
 

Foto: Dominik Pieringer by Nik Pichler

„Please like me!“ Definiert heute die Menge der Likes auf Facebook und Instagram, wer die schönen Menschen sind? Wir leben in einer Zeit der ständigen Wertung, wir werden gewertet und wir werten andere. Aber wann werten wir uns selbst? Wann haben wir begonnen, die Wertung der anderen als Maßstab für unsere Schönheit zu nehmen und unsere individuellen Kriterien über Bord zu werfen? Wann haben wir angefangen, uns so zu zeigen, dass es zwar nicht unserer Persönlichkeit entspricht, aber in den sozialen Medien gut ankommt? Ich weiß es nicht und ich will auch nicht ein Pauschalurteil fällen. Aber ich beobachte, dass diese fremde Wertung oftmals die innere Reflexion abgelöst hat.
 
Das reflektierte Selbst ist es jedoch, was uns schön, was uns einzigartig macht. Es gibt uns diese unverkennbare Ausstrahlung. Es schafft eine wunderbare Verbindung zwischen dem Außen und dem Innen. Mag sein, dass uns dann nicht die breite Masse als schön empfindet. Gut so, denn dadurch positionieren wir uns und gehen vom allgemein Gefälligen ins außergewöhnlich Schöne. Und diese Art von Schönheit, diese Individualität brauchen wir heute mehr denn je, wir alle im täglichen Leben und vor der Kamera.
 
„Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“ Das stimmt und ich würde ergänzen: An erster Stelle sollte man selbst diese Betrachterin, dieser Betrachter sein. Dann wird Schönheit sichtbar. Einfach schön.
 

Nik Pichler, Fotograf - nikpichler.com

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